The Witcher 2 – nonlinear und gewaltig

Gäbe es auf der gamescom einen Award für das beste Pressepaket, so ginge dieser definitiv an das Entwicklerteam des Action-RPGs „The Witcher 2“. Steckt im Spiel nur halb soviel Mühe und Kreativität wie in der Presse-„Mappe“, so wird es garantiert ein Knaller.

tw2_presskitDie Presse erwartete bei der Vorstellung von The Witcher 2 – Assassins of Kings so einiges an Überraschungen. Die Entwickler begrüßten uns mit deftigem Humor und einem Notizblock, in dem bereits alle relevanten Informationen zum Spiel handschriftlich eingetragen waren. „Wir wissen ja, dass ihr viel zu tun habt“, so die augenzwinkernde Erläuterung der Entwickler. Doch es brauchte gar keinen ausschweifenden Humor, um uns vom Spiel zu überzeugen. Das Sequel zum Überraschungserfolg The Witcher glänzte auf ganzer Linie und überzeugte mit großem Umfang, nonlinearer Geschichte, vielen Spieloptionen und epischen Schlachten.
Die Story knüpft nahtlos an den ersten Teil an und lässt ähnlich wie Mass Effect 2 einen Import der Savegames zu. Im Gegensatz zum Vorgänger wurde aber die vom Spieler erlebbare Geschichte massiv ausgebaut. Die Projektionsfläche bei der Präsentation reichte nicht aus, um einen Flowchart der gesamten Story-Verflechtungen im Ansatz abzubilden. Das Spiel verfügt über 16 verschiedene Enden, wobei die Teilung im Gegensatz zu Konkurrenztiteln wie Mass Effect nicht erst im Finale des Spiels erfolgt. Der Spieler muss über den ganzen Spielverlauf hinweg Entscheidungen treffen, die bereits den weiteren Verlauf der Story beeinflussen. Die Tragweite so mancher Entscheidung wird dem Spieler dabei bisweilen erst später im Spielverlauf bewusst.

Keine einfachen Entscheidungen

tw2_dungeonEin unmittelbarer Einfluss auf das Spielgeschehen ist bereits durch die verschiedenen möglichen Spielweisen gegeben. Der Spieler kann sich beispielsweise durch die Umgebung schleichen und Fackeln löschen, um im Schutz der Dunkelheit seine Gegner anzugreifen. Natürlich funktioniert aber auch die direktere Berserker-Methode. Besonders zeichnet sich hierbei die sehr direkte Steuerung aus, die sowohl Schwert- als auch Faustkämpfe zu einer stets neuen Herausforderung macht. À propos Faustkämpfe: diese sind eine elegante Methode, um Gegner außer Gefecht zu setzen, ohne sie zu töten.
Ansonsten ist das Spiel allerdings nicht zimperlich in Puncto Gewaltdarstellung. Wie bereits beim ersten Teil richtet sich The Witcher 2 an eine erwachsene Zielgruppe – Nacktheit, Sex und blutige Schlachten gehören zur schroffen Spielwelt auch wieder dazu. In unserem Interview zeigten sich die Entwickler jedoch zuversichtlich in Bezug auf den deutschen Markt: Bereits das erste Spiel wurde nicht zensiert und man hofft, dass sich dies beim Nachfolger nicht ändern wird.
Bei dem Schwerpunkt auf Kampfhandlungen ist die Thematisierung von Moral jedoch erneut ganz anders ausgelegt als in anderen RPG-Titeln. Während hier häufig Moralpunkte eingesetzt werden, die den Spieler zur „guten“ oder „bösen“ Seite hinziehen und neue Fertigkeiten freischalten, verzichtet The Witcher 2 vollständig auf die vom Spiel vorgegebene Bewertung der Spieler-Entscheidungen. Es gibt lediglich Aktionen und Konsequenzen. Eine Entscheidung im Spiel, einen bestimmten Feind nicht zu töten, kann unmittelbare Folgen auf den weiteren Verlauf haben. Im gezeigten Demo-Level musste der Spieler aus einer Festung fliehen, wobei die Befreiung eines Charakters ihm entscheidende Vorteile im weiteren Verlauf der Szene bringt.

Beeindruckende Technik

tw2_castleDer Titel ist darüber hinaus technologisch überaus interessant: Die Entwickler gaben sich Mühe, den Charakteren mehr Leben einzuhauchen und gehen mit einer ganz neu entwickelten Grafikengine an den Start. Besonders beeindruckend zeigte diese sich bei der Flucht aus besagter Festung: Befindet man sich im einen Moment noch in den Katakomben und sieht das Licht von draußen einfallen, so ist man gleich im nächsten Moment in einer beeindruckenden Außenszene – ganz ohne Ladezeiten. Das Streaming der neuen Inhalte übernimmt die Engine im Hintergrund. Im ganzen Spiel sollen gerade einmal vier Ladebildschirme vorkommen.

tw2_siegeWo eine derart starke Engine Vorteile bringt, hat sich in der darauffolgenden Demo gezeigt: Hier befand sich der Spieler nicht länger im alleinigen Kampf gegen Wachen, sondern auf einem verfluchten Schlachtfeld inmitten hunderter kämpfender NPCs. Pfeilhagel prasseln auf den Spieler ein, flammende Katapultgeschosse zischen durch die Luft. Doch all das ist nicht etwa Dekoration, sondern vollständig interaktiv. Lässt der Spieler sich treffen, war’s das für den Moment. Besonders kreativ und unterhaltsam zu bekämpfen sind hier auch einige der Gegner. Fallen NPCs auf dem Schlachtfeld, sammeln in der gezeigten Szene Dämonen deren Rüstungsteile ein und setzen diese zu einem neuen, noch mächtigeren Gegner zusammen. Durch seine Angriffe kann der Spieler eben jene Rüstungsteile wieder abschlagen und den Gegner besiegen.
Auch gezeigt wurde ein Boss-Gegner, der in Form von Naturgewalten wie Wirbelstürmen über das Schlachtfeld wüten kann.

tw2_dialogueNicht nur epische Schlachten lassen Atmosphäre aufkommen. Die Charaktere tragen maßgeblich die Story und hier kommen dem Spiel nicht nur die detaillierten Modelle zugute. Anstatt sich mit Textwüsten zu beschäftigen, folgt The Witcher 2 ganz dem Vorbild aktueller BioWare-Spiele. Alle NPCs verfügen über ein Voiceover in britischem englisch. Das Spiel soll zudem lokalisiert werden. Noch ist nicht klar, in wieviele Sprachen, eine deutsche Synchronisation gilt jedoch als so gut wie sicher.

The Witcher 2 gehört definitiv zu unseren Favoriten der gamescom 2010. Es sieht nach einem vielversprechenden Spiel für alle aus, die ein erwachsenes und äußerst atmosphärisches Action-RPG mit starker individueller Spielerfahrung ihr Eigen nennen möchten.

Wenn ihr mehr über die Entwicklung des Spiels erfahren möchtet, dann schaltet demnächst in unseren Podcast zur gamescom rein! Dort wird es ein Interview mit drei Entwicklern von the Witcher 2 zu hören geben.